Schäferhündin Flora mit weißem Führgeschirr

Blindenführhunde

 Flora, 10 Jahre — Beruf: Blinden­führ­hund
 Blindenführhunde im Tier­garten der Stadt Nürn­berg
 Blindenhunde in Praxis- und Kranken­haus­räumen der Freien Uni­versität Berlin
 Lebensmittelhygiene–Verordnung und Ver­öffent­lichungen, die in den Fort­führungs­nach­weis des All­gemeinen Ministerial­blattes auf­genommen werden
 Mitnahme von Blinden­führ­hunden in katholischen Kirchen
 Informationen der Deutschen Bahn AG
 Unentgeltliche Beförderung bei der Deutschen Bahn
 Mitnahme von Blinden­führ­hunden bei evange­lischen Gottes­diensten, in Kirchen und bei Gemeinde­ver­anstaltungen
 Mitnahme von Blinden­führ­hunden in Theater- und Konzert­ver­anstaltungen
 Mitnahme von Blinden­führ­hunden in Lebens­mittel­läden
 Freilauf des Blindenführhundes
 Führhundhalter-Seminar im Aura-Hotel Saulgrub

Flora, 10 Jahre — Beruf: Blindenführhund

Flora blickt auf ein langes Leben und einen reichen Erfahrungsschatz zurück. Neben der Nasenspitze im dunklen Schäferhundfell blitzen die ersten grauen Haare. Doch die sind beileibe kein Zeichen für Weisheit. Wenn Gäste ins Haus kommen, wird Flora zum eifersüchtigen Trotzkopf. Fährt ihr die Besucherhand nicht sofort schmeichelnd über den Nacken, zwicken ihre immer noch kräftigen Eckzähne schon mal ins eine oder andere Knie – als wolle sie sagen: „Vergesst mich nicht: Ich passe auf!“

Aufpassen ist Flora zum Lebensinhalt geworden. Gerade ein Jahr alt, begann sie ihren Job bei einem blinden Computerspezialisten. Ihre Hundeaugen führen ihn durch sein Menschenleben. Und das hält für Flora so manche Tücke bereit. Wer sagt zum Beispiel, dass man eine Straße immer auf dem kürzesten Weg überqueren muss? Auch ein Spaziergang in der Natur wird zur Herausforderung. Tiefhängende Äste, die Flora problemlos unterläuft, können ihrem blinden Begleiter arge Kopfschmerzen bereiten. Kontaktfreudige Artgenossen, flüchtende Kaninchen und aromatisch lockende Laternenpfähle gilt es tunlichst zu ignorieren. Denn Floras Besitzer muss sich zu jederzeit auf sie verlassen können. Mit stoischer Gelassenheit stemmt sie notfalls auch gegen ihn, wenn er eine Gefahr verkennt.

Flora liebt ihren Job. Sobald das Führgeschirr um ihren Bauch gezurrt wird, beginnt sie mit dem Schwanz zu wedeln. Das Geschirr macht sie wichtig; es ist das Symbol der Verantwortung für ihren Herrn. Geschickt bugsiert sie ihn um Baustellen, Verkehrsschilder und Passanten, führt ihn über Treppen und Bordsteinkanten. Am meisten Spaß machen ihr Intelligenzaufgaben. Die Kommandos „links“, „rechts“ und „geradeaus“ versteht sie mühelos; Türen, Aufzüge und Zebrastreifen findet sie auf Anhieb. Und wenn es heißt: „Flora, such Telefonzelle!“, führt sie ihren Herrn zum nächststehenden rechteckigen Behältnis. Zuweilen findet der sich dann verwundert vor einem Briefkasten oder Stromzähler wieder. Aber kann sie etwas dafür, daß sich die Optik der Häuschen ständig ändert?

Floras Besitzer fühlt sich mit ihr so unbeschwert, daß er sogar seinen weißen Stock zu Hause lässt. Darauf ist sie stolz. Doch ihm hat dieser Leichtsinn schon des öfteren ratlose Minuten beschert: Ein plötzliches Hindernis, das den sonst so vertrauten Weg versperrt, bemerkt der Blinde zwar am Widerstand des Hundes, aber die Ursache muss er selbst herausfinden. Ist es ein Bauloch? Oder nur ein umgekippter Abfalleimer? Nun gut – wenn sein Fuß nichts ertasten kann, erkundigt er sich eben bei Passanten nach der Art des Übels.

Floras Besitzer vertraut sich einem lebenden Hilfsmittel an. Wenn sie einen Fehler macht, kann das für ihn den Tod bedeuten. Einmal hätte es ihn fast erwischt. Es war nicht böse gemeint — sie hatte einfach einen schlechten Tag. Da sie wie alle Hunde farbenblind ist, orientiert sie sich bei einer Ampelüberquerung nicht an Rot oder Grün, sondern an anhaltenden Autos und loslaufenden Fußgängern – akustische Signale, die auch ihr blinder Begleiter erkennt. Doch diesmal war es Nacht, die Straße leer. Irgendwann lief Flora los. Und schon war es passiert: Bremsen quietschen und schwerverletzt lag ihr Schützling auf dem Asphalt. Das ist lange her, aber von beiden nicht vergessen.

So gern Flora ihren Herrn begleitet, so sehr genießt sie ihre Freizeit. Sobald er das Führgeschirr abschnallt und in die Ecke stellt, kann sie wieder ein ganz normaler Hund sein. In der Wohnung liegt sie dann meistens unter dem Esstisch, damit ihr Besitzer nicht über sie stolpert und sich wehtut. Entspannt bettet sie sich auf ihr Lager. Endlich Feierabend!