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Das Besondere Kind

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Presse­bericht von Keyvan Dahesch, dpa

München, 6. Juni 2006

Nebel und Tunnel­blick — neues Training für Seh­behin­derte

München (dpa) — Elke Runte hört Schritte hinter sich und nimmt eine männliche Gestalt wahr — aber das Gesicht kann sie trotz der geringen Ent­fernung nicht erkennen. Schreck­sekunden wie diese, bei der sich wenig später der Nach­bar zu erkennen gibt, sind für die 50jährige an der Tages­ordnung: „Durch meine Gesichts­feld­ausfälle kann ich die Menschen nicht erkennen.“ Doch sieht man ihr wie den bundes­weit mehr als eine Million Menschen mit Seh­behin­derungen das Handicap äußerlich nicht an. Die Betrof­fenen stoßen bei den Mit­menschen deshalb immer wieder auf Befremden.

Einige Menschen können Gesichter nicht erkennen, andere leiden an einem Tunnel­blick, der sie links und rechts nichts erkennen lässt. Eine weitere Gruppe sieht nur einge­trübt oder wie durch dicken Nebel. Die nationalen Selbst­hilfe­verbände haben den 6. Juni zum jähr­lichen „Seh­behin­derten­tag“ proklamiert, um auf ihre Probleme auf­merksam zu machen.

„Weil man uns die Behin­derung nicht ansieht, erleben wir mit der Bitte um Hilfen an Halte­stellen, beim Ein­kaufen und Lesen von Schildern oft Verwun­derung“, sagt Runte. Sie ist Referentin für Öffentlich­keits­arbeit beim Baye­rischen Blinden- und Seh­behin­derten­bund (BBSB).

„Die meisten Unfälle erleiden seh­behin­derte Menschen, weil Stufen nicht deutlich gekenn­zeichnet, Bau­stellen nicht genügend abgesichert und Straßen und Unter­führungen nicht aus­reichend beleuchtet sind“, ergänzt der Geschäfts­führer des Deutschen Blinden- und Seh­behinderten­verbandes in Berlin, Andreas Bethke. Eine Markierung mit Kontrast­farbe könnte die Sturz­gefahr verringern, betont der blinde Diplom­biologe. Zum Verhängnis würden Seh­behin­derten oft auch Poller, die nicht mit Leucht­streifen gekenn­zeichnet sind, sowie nicht umzäunte Bau­stellen. Die Nummern von Bussen, Straßen- und U-Bahnen sollten für seh­behinderte Menschen möglichst in Augen­höhe neben dem Einstieg stehen.

Der Baye­rische Blinden- und Seh­behin­derten­bund hat ein Modell­projekt mit neun Reha-Trainern gestartet, um die Betrof­fenen beim optimalen Nutzen der verblie­benen Sehkraft zu trainieren.
„Dieses in der Bundes­republik bislang einmalige Angebot richtet sich — ohne Rücksicht auf eine Mit­glied­schaft bei uns — an alle blinden oder seh­behin­derten Menschen“, sagt Runte. Sie lernten so mehr Mobilität und lebens­praktische Fertig­keiten.

„Wir können bei der Viel­falt der Seh­behin­derungen individuell helfen“, erklärt Markus Brill, einer der Trainer. Wenn etwa Schrift­stücke eingescannt und per Bild­schirm gelesen werden sollen, komme es auf die geeignete Vergrö­ßerung und den best­möglichen Kontrast an. Bei Netzhaut­degeneration könnten die Betrof­fenen oft nur noch im äußeren Bereich der Netz­haut etwas erkennen. „Diese Menschen müssen wir im exzen­trischen Lesen, also mit dem funktions­fähigen Teil der Netzhaut, schulen“, sagt Brill. Auch praktische Tipps, wie sich etwa mit einem kleinen Fernrohr Hinweis­schilder an der Straße finden und lesen lassen, vermitteln die Trainer.

„Die Trainer beraten die Klienten zu Hause und am Arbeits­platz, bei der Auswahl blend­freier Beleuch­tung und anderer Erleich­terungen“, ergänzt Runte. Die in Bayern angebotenen Hilfen haben Modell­charakter, lobt auch Bethke für die Bundes­organisation der Blinden und Seh­behin­derten. Er hofft auf Nach­ahmer-Effekte. In Bayern erhält der BBSB finanzielle Unter­stützung von Land, Kommunen und Sozial­leistungs­trägern

Runte selbst steht für einen erfolg­reichen Weg, mit der Behin­derung zu leben: Obwohl eine erbliche Makula-Degeneration bereits im Alter von Anfang 20 ihre Seh­kraft erheblich beein­trächtigte, brachte sie das Studium der deutschen und englischen Sprache an der Uni in München erfolg­reich zu Ende, lebte einige Jahre im Ausland und arbeitete später als Industrie­kauffrau. Als die Sehkraft weiter nach­ließ, absolvierte sie einen Reha-Lehrgang in Würzburg und kam als Öffentlichkeits­arbeiterin zum BBSB.

Keyvan Dahesch