BIK ist ein vom Bundes­ministerium für Gesund­heit und Soziale Sicherung gefördertes Gemeinschafts­projekt der DIAS GmbH und deutscher Blinden- und Seh­behinderten­verbände. Das Projekt unter­stützt die Um­setzung der Verordnung zur Barriere­freien Informations­technik (BITV). Diese Verordnung soll sicher­stellen, dass Web­auftritte des Bundes bis Ende 2005 barriere­frei sind.

 

Kontakt:
DIAS GmbH
Michaela Freudenfeld
Telefon (0 40) 43 18 75 14
Fax (0 40) 43 18 75 19
E-Mail:  freudenfeld@dias.de

 

Herausgeber:
BIK — barrierefrei informieren und kommunizieren
Projektredaktion
c/o DIAS GmbH
Neuer Pferdemarkt 1
20359 Hamburg

Logo BIK - barrierefrei informieren und kommunizierenPresseinformation

1. Juni 2004

Stern ist Sieger im Zeitungentest

Barriere­frei infor­mieren und kommuni­zieren (BIK) testete die Internet­angebote von 14 großen Tages­zeitungen und Nachrichtenmagazinen. Die Ergeb­nisse sind ent­täuschend. Nur wenige Angebote kümmern sich um Barriere­freiheit.

Wer sich eingehend mit aktuellen Fragen von Politik und Wirtschaft befassen möchte, braucht Tageszeitungen und Nachrichtenmagazine. Wer sie nicht nutzen kann, ist von einem wichtigen Bereich des gesellschaftlichen Lebens ausgeschlossen.

Das betrifft blinde Menschen, die mit normalem Druckwerk nichts anfangen können. Es betrifft ältere Menschen, die auf große Schrift angewiesen sind. Auch der Urlauber oder der Geschäftsreisende kann betroffen sein. Am Kiosk ist die Auswahl klein, die Post braucht Zeit, so kann der Kontakt zur Heimat leicht abreißen.

Eine Alternative ist der Webauftritt. Er ist von überall zugänglich und kann leicht in eine andere Form gebracht werden. Man kann sich Texte auf seinen PDA holen oder mit spezieller Software vorlesen lassen. Man kann die Schriften vergrößert darstellen oder ungeeignete Farben auswechseln. Alles kann entsprechend den besonderen Anforderungen des Besuchers individuell aufbereitet werden.

So kann der Webauftritt die Angebote von Tageszeitungen und Nachrichtenmedien einem größeren Kreis von Nutzern zugänglich machen. Er schafft Zugang für alle - wenn er nur selbst zugänglich ist.

Wird diese Chance genutzt? Darum ging es im Zeitungentest. Geprüft haben wir sieben überregionale Tageszeitungen, zwei Wirtschaftszeitungen, drei Magazine und zwei Zeitungen aus den deutschsprachigen Nachbarländern.

 

Die Sieger

Basis des eingesetzten Testverfahrens ist die BITV, eine für Webauftritte des Bundes verbindliche Verordnung zur barrierefreien Informationstechnik. Aus Sicht dieser Verordnung ist keiner der geprüften Webauftritte befriedigend. Aber die Anforderungen der BITV sind teilweise recht hoch und sie gelten vorerst auch nur für Webauftritte des Bundes. Und man muss sagen: die Unterschiede sind groß.

Klarer Testsieger ist der Webauftritt des Stern. Mit 84,5 von 100 erreichbaren Punkten hat er nur knapp ein befriedigendes Gesamtergebnis verfehlt, der Abstand zum Zweitplatzierten ist deutlich. Dem Webauftritt des Stern liegt ein modernes, standardorientiertes Design zugrunde. Inhalt und Layout sind durchgängig voneinander geschieden, die Gestaltung lässt sich so leicht ändern und an individuelle Bedürfnisse anpassen. Das kommt auch behinderten Besuchern zugute. Auch beim Stern gibt es noch Mängel. Aber eine gute Grundlage ist gelegt.

Der Webauftritt der Frankfurter Rundschau folgt mit 79,5 Punkten auf dem zweiten Platz. Blinde Besucher können FR Online gut nutzen. Grafische Bedienelemente und andere informative Grafiken sind mit Alternativtexten versehen, die Seiten können gut mit der Tastatur bedient werden. Kontraste sind in Ordnung, Grafiken können vor wechselnden Hintergründen wahrgenommen werden. Auch auf den Einsatz von für Sehbehinderte problematischen Schriftgrafiken wird verzichtet.

Auf dem dritten Platz folgt dann mit 79 Punkten der Vertreter der Schweiz, die Neue Züricher Zeitung (NZZ). Nur knapp hinter der Rundschau, deutlich vor den folgenden. Barrierefreiheit ist für die NZZ ein Thema. Über eine Untersuchung der Zugänglichkeit von Schweizer Webauftritten berichtet sie ausführlich, mit dem Schweizerischen Blindenverband wird zusammengearbeitet. Und ein Blick auf die Seiten zeigt, dass schon einiges getan worden ist. Alternativtexte sind vorhanden, die Seiten können gut mit der Tastatur bedient werden. Kontraste sind in Ordnung, Grafiken kann man vor wechselnden Hintergründen wahrnehmen.

 

Nicht gut zugänglich

Die drei ausgezeichneten Angebote sind nicht frei von Mängeln. Gut abgeschnitten haben sie aber im Vergleich mit den Zeitungen und Magazinen im unteren Bereich der Ergebnisliste. Da finden sich Webangebote, die nicht nur aus Sicht der anspruchsvollen BITV erhebliche Mängel aufweisen. Behinderte Besucher stoßen auf nicht zu überwindende Hindernisse.

- Für blinde Benutzer oder für Benutzer von einfachen Textbrowsern sind Grafiken nicht zugänglich. Webseiten sollen also auch ohne Bilder zu nutzen sein. Dafür wird ein Alternativtext gebraucht, der die Bedeutung von Bildern und grafischen Bedienelementen vermittelt. Brauchbare Alternativtexte bieten nur FR Online und NZZ. Bei allen anderen fehlen die Alternativtexte oder sie werden für Zusatzinfos zum Bild zweckentfremdet.

- Auch ein trauriges Kapitel: der Einsatz von leeren Alt-Attributen für Layoutgrafiken. Nur der Stern und FR Online erfüllen diese für die praktische Nutzung wichtige Anforderung ohne Einschränkung.

- Die variable Darstellung ist der große Vorteil des Web gegenüber gedruckten Medien. Texte können in Größe, Farbe oder Gestalt angepasst werden und man kann sie sich auch mit speziellen Geräten vorlesen lassen. Aber das geht natürlich nur mit "echten" Texten. Schriftgrafiken, die Text abbilden, können nicht an die Anforderungen des Benutzers angepasst werden. Fast alle geprüften Zeitungen verwenden solche grafische Schriften. Nur der Stern, die Frankfurter Rundschau und der österreichische Standard verzichten auf ihren Einsatz.

- Focus, taz, RP Online und Spiegel verwenden transparente Grafiken für wichtige Elemente. Der Hintergrund der Grafik ist durchsichtig. Das sieht gut aus, ist daher eine verbreitete Technik. Aber was passiert, wenn der Besucher eine andere, für ihn besser geeignete Hintergrundfarbe ausgewählt hat? Die grafische Schrift steht dann plötzlich auf gleichfarbigem Hintergrund, das ansprechende Menu ist verschwunden.

- Viele ältere Besucher können nicht mehr so gut sehen. Die Schrift ist etwas zu klein, sie muss größer dargestellt werden. Damit das auch im verbreitetsten Browser, dem Microsoft Internet Explorer möglich ist, müssen besondere Vorschriften beachtet werden. Kein einziger Webauftritt unterstützt die Vergrößerung der Schriften. Ältere Besucher, die eine etwas größere Schrift bevorzugen, sind ausgeschlossen.

- Überschriften sind größer, sie haben eine andere Schrift oder sie sind durch die Farbe hervorgehoben. Blinde oder stark sehbehinderte Besucher können mit solchen optischen Merkmalen aber nichts anfangen. Für die Wahrnehmung von Überschriften brauchen sie "logische", im Quelltext der Seite versteckte Auszeichnungen. Nur Stern, NZZ und Bild zeichnen Überschriften korrekt aus.

- Blinde Besucher oder Besucher, die Geräte mit kleinem Bildschirm verwenden, können Tabellen nicht im Überblick wahrnehmen. Sie sehen (oder hören) nur einen kleinen Ausschnitt, können sich den Inhalt nur Zelle für Zelle erschließen. Damit das geht, muss klar sein, welche Überschriften zu einer Zelle gehören. Die Überschriften müssen entsprechend gekennzeichnet sein. Nur in einem einzigen Fall, nämlich in der Kurstabelle des Handelsblatts sind die Überschriften korrekt ausgezeichnet.

- Viele Benutzer haben Schwierigkeiten, Seiten zu nutzen, die mit flackernden, blinkenden oder sich bewegenden Elementen ausgestattet sind. Solche Elemente ziehen die Aufmerksamkeit des Benutzers auf sich. Das kann stören und lästig sein. Für Besucher, die Probleme mit der Konzentration haben, kann es die Nutzung der Seite aber auch gänzlich ausschließen. Nur ein einziges Angebot, der Webauftritt der Welt war zum Zeitpunkt des Tests nicht mit blinkenden oder durch Bewegungen das Lesen behindernden Werbebotschaften versehen.

- Einige Webauftritte gehen in Richtung Portal. Sie versuchen, ungeheuere Mengen von Informations- und Serviceangeboten auf der ersten Seite unterzubringen. Vielleicht gut für gestresste Manager, die für einen zweiten Mausklick keine Zeit haben. Aber schlecht für Besucher, die in Sachen Orientierung nicht so gut drauf sind. 6 der 14 geprüften Webauftritte wurden als nicht gut geordnet bewertet.

- Umso wichtiger wären entsprechende Hilfestellungen zur Orientierung oder alternative, leichter zu übersehende Inhaltsverzeichnisse. Sie fehlen ebenfalls bei 6 der 14 Webauftritte.

 

Ist Besserung zu erwarten?

Barrierefreiheit gibt es nicht umsonst. Ganz besonders, wenn sie nicht von Anfang an bedacht worden ist. Oft ist das eingesetzte Redaktionssystem nicht geeignet, umfangreiche Datenbestände müssen überarbeitet werden, Mitarbeiter wissen noch nicht genug über Barrierefreiheit. Der Weg von der Entscheidung für bessere Zugänglichkeit zu einem Webauftritt, den alle nutzen können, ist dann lang und teuer.

Daher wollten wir wissen, welchen Stellenwert das Ziel Barrierefreiheit hat und wie die Aussichten in Sachen Zugänglichkeit für Alle sind. Wie schätzen die Verantwortlichen den Stand der Zugänglichkeit ihrer Seiten ein? Wissen sie, was getan werden muss, um die Seiten für alle zugänglich zu machen? Sind konkrete Schritte geplant? Parallel zum Test der Internetangebote haben wir die Verantwortlichen befragt.

Die drei Bestplatzierten planen kleinere Verbesserungen. Für den Spiegel war der Zeitpunkt des Tests unglücklich, eine grundlegende Überarbeitung ist auf dem Weg. Auch beim Focus sollen Anforderungen der Barrierefreiheit im Rahmen einer grundlegenden Überarbeitung erfüllt werden. Das ist positiv. Drei Zeitungen machen keine Angaben. Neben Welt und FTD leider auch die Süddeutsche Zeitung. Das ist bedauerlich. Schade auch, dass die nicht gut zugängliche FAZ andere Prioritäten setzt. Denn kleinere Änderungen werden bei diesem Webauftritt nicht ausreichen.

Insgesamt kann man mit dem Stand der Zugänglichkeit der großen Tageszeitungen und Nachrichtenmagazine sicher nicht zufrieden sein. Das Internet könnte ein Weg sein für die bessere Teilhabe aller am öffentlichen Leben. Die meisten Zeitungen und Magazine nutzen es dafür noch nicht.

Gerade für blinde und sehbehinderte Menschen sind Onlineangebote eine wichtige Alternative zu den gedruckten Ausgaben. BIK wird die weitere Entwicklung zu mehr Zugänglichkeit beobachten und über den Stand der Barrierefreiheit informieren.

 

Weiterführende Informationen auf  www.bik-online.info:

Bericht zum Zeitungentest:  http://www.bik-online.info/test/projekte/zeitungentest
Alle Testergebnisse:  http://www.bitvtest.de/main.php?a=p&prid=1